Geschichte

Die Bruderschaft der Schwarzenhäupter, ein für uns heute exotisch klingender Name, der auf den heiligen Mauritius zurückgehen soll. Dieser ist neben dem Drachentöter St. Georg der Schutzpatron der Bruderschaft. Als Befehlshaber der Thebäischen Legion Roms soll sich der vermutlich aus Abessinien stammende Mauritius geweigert haben, an den vom Kaiser befohlenen Christenverfolgungen teilzunehmen. Wahrscheinlich war er bereits selbst heimlich zum Christentum übergetreten. Die Folge dieses mutigen Ungehorsams war seine anschließende Hinrichtung und die Vernichtung der gesamten Legion – jedenfalls soweit man der Legende Glauben schenken darf. Eine genaue historische und somit zeitliche Einordnung ist nur schwer möglich.

Wie immer es auch gewesen sein mag, aber aufgrund dieses Martyriums entstand im Mittelalter ein weitverbreiteter Heiligenkult um die Person des Mauritius, hauptsächlich im Osten, aber auch in Süd- und Nordeuropa. In der Kirchenkunst des Mittelalters wurde er meist als Mohr dargestellt, so zum Beispiel auf einem Gemälde des berühmten Malers Matthias Grünewald in der Alten Pinakothek in München. Und da die Bruderschaft der Schwarzenhäupter seit ihren Ursprüngen das Mohrenhaupt des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt, erklärt sich so auch ihre Namensgebung.

Allerdings gibt es noch eine weitere Deutung über die Herkunft des Namens. Diese geht von einem kriegerischen Ursprung aus. Gleichzeitig mit den Schwarzenhäupterbruderschaften in Reval, Riga und Dorpat, nämlich zu Beginn des 15. Jahrhunderts, entstanden weitere Bruderschaften dieses Namens, die allerdings vollkommen anders geartet waren.

Im Gegensatz zu den gildeähnlichen Zusammenschlüssen der Kauf- und Handelsleute in den 3 genannten Städten, handelte es sich hierbei um die waffentragenden Besatzungen der Deutschordensburgen und der bischöflichen Schlösser. Diese kriegerischen Dienstmannen nannten sich ebenfalls Schwarzenhäupter oder auch „Stallbrüder des heiligen Kameraden“. Demnach soll  die Bezeichnung Schwarzhäupter von „Szwarte Houvet“ herrühren, womit die schwarzen Sturmhauben des Fußvolks gemeint waren, die einer weitverbreiteten damaligen Sitte zufolge zum Schutz gegen Rost geschwärzt wurden. Der gleiche Ausdruck wurde auch in alten Dokumenten für die Bruderschaft in Reval verwendet. Und dass sich die Kriegsmannen nach dem heiligen Mauritius benannten und sein Mohrenhaupt in ihrem Wappen führten ist leicht nachvollziehbar, denn schließlich war er der Schutzpatron der Infanterie, sprich des Fußvolks. Wer nun zuerst Name und Wappen des Mohren geführt hat, die Kaufleute oder die Burgenbesatzungen, und wer eventuell von wem beides übernommen hat, lässt sich im nachhinein nicht mehr feststellen. Die Schwarzenhäupter der Stadt Reval hatten allerdings außer Namen und Wappen mit der gleichnamigen Bruderschaft auf dem Schloss zu Reval nichts gemeinsam. Tatsache ist jedoch, dass im Zeitraum der Jahre 1400 – 1561 im damaligen Alt-Livland an nicht weniger als 20 Orten verschiedene Schwarzenhäuptervereine existiert haben.

Sogar in Nowgorod hat es nach einem Brief aus dem Jahre 1409 zufolge russische Schwarzenhäupter gegeben, die aber wahrscheinlich nur irrtümlich so bezeichnet wurden, zumal es keine weiteren Erwähnungen über sie gibt. Ähnlich erging es den meisten Bruderschaften dieses Namens, sie verschwanden meist recht schnell wieder im Nebel der Geschichte. Heutzutage existieren nur noch zwei Schwarzenhäupterbruderschaften, die „Compagnie der Schwarzenhäupter aus Riga“ und die „Bruderschaft der Schwarzenhäupter aus Reval“.

Letztere werden im Jahre 1400 das erste Mal urkundlich erwähnt. In der ältesten Schrift ihres Archivs listeten die Mönche des Katharinenklosters zu Reval die großzügigen Spenden auf, die ihnen die Bruderschaft zukommen ließ. Demzufolge haben die Schwarzenhäupter zu Reval schon vorher existiert. Somit gilt das Jahr 1399 als das Gründungsdatum der Bruderschaft, obwohl es allerdings unsichere Hinweise auf eine weiter zurückreichende Existenz gibt.

Es gilt als sicher, dass die Bruderschaft der Schwarzenhäupter als eine Art Abspaltung der „Kindergilde“ (später generell nur noch  „Große Gilde“ genannt) entstanden ist. Die für uns heute irreführende oder zumindest unverständliche Bezeichnung „Kindergilde“ resultierte daraus, dass deren Mitglieder „Kinder“ der Stadt waren. Das ganze gesellschaftliche und berufliche Leben im Mittelalter war maßgeblich von dem Zunft- und Gildewesen geprägt. So beruhte die Trennung von der Kindergilde, in der die verheirateten Kaufleute zusammengeschlossen waren, nicht etwa auf einem Zerwürfnis. Im Gegenteil, die Gründung der Schwarzenhäupterbruderschaft war als eine Art Nachwuchsorganisation für die Kindergilde gedacht, und als solche fungierte sie auch. In der überwiegenden Mehrzahl jüngere und unverheiratete Kaufleute, waren sie Aspiranten für die Aufnahme in die Kindergilde. Demzufolge war das Verhältnis zwischen der Bruderschaft und der Gilde ein sehr enges und herzliches. 1407 erlangte die Bruderschaft vom Rat der Stadt Reval ihren ersten Schragen, eine Art Satzung, der kurz und einfach gehaltene Bestimmungen enthielt. Diese Bestimmungen wiederum waren in der überwiegenden Mehrzahl den umfangreichen Statuten der Kindergilde entlehnt. Anfangs bekamen die Schwarzenhäupter für ihre Versammlungen Räumlichkeiten der Gilde zur Verfügung gestellt. Später im Laufe des 15. Jahrhunderts, man besaß mittlerweile ein eigenes Haus, hatten die Mitglieder der Großen Gilde zu diesem jederzeit freien Zutritt. Dies alles kann sicherlich kaum als Zeichen für ein Zerwürfnis gewertet werden, sondern vielmehr als eine besonders enge Zusammengehörigkeit.

Hervorzuheben sind vor allem aber als Ziele der Bruderschaft die Geselligkeit, sprich die Knüpfung von Geschäftskontakten, und die Sorge um das eigene Seelenheil. Die Geselligkeit ist bis heute erhalten geblieben, nur um sein Seelenheil muss sich mittlerweile jeder Bruder persönlich kümmern. Aber im Mittelalter war das Weltbild der Menschen natürlich ein ganz anderes als heutzutage und überdies ein für uns teilweise nur sehr schwer nachvollziehbares. Langwierige Schiffsfahrten über die Ostsee (die Stadt Reval gehörte dem Städtebund der Hanse an), beschwerliche Reisen auf schlechten und unsicheren Wegen über Land, die ständige Bedrohung durch heftige Unwetter und schwere Stürme oder durch Krieg, Krankheiten oder Feuersbrünste machten den Alltag dieser Menschen zu einem lebensbedrohenden Abenteuer. Neben der Unwissenheit und Hilflosigkeit in vielen Bereichen kam noch der immense Druck der Kirche mit der Drohung der ewigen Verdammnis für das Leben nach dem Tode hinzu. Die Aussicht, nach einem harten und vielleicht nur kurzen Leben auch noch im Fegefeuer zu schmoren und für alle Ewigkeiten die Qualen der Hölle erleiden zu müssen, gab nun wirklich zu keinerlei Beruhigung Anlass. Und diese Vorstellung wurde von den Christen  damals bildlich geglaubt.

Wer will es also diesen Menschen ernsthaft verübeln, dass sie wenigstens für den Tag des jüngsten Gerichts Vorsorge für ihr weiteres persönliches Schicksal treffen wollten, hier, wo es im Gegensatz zum realen Leben immerhin möglich erschien? So erklärt sich auch die überragende Sorge um das eigene Seelenheil und der Versuch, sich das Wohlwollen des lieben Gottes durch großzügige Spenden an die einzig wahre christliche Kirche zu erkaufen oder wenigstens zu beeinflussen. Aus genau diesem Grund hatte sich die Bruderschaft das Katharinenkloster als „seine“ Kirche auserwählt, eine Verbindung, von der beide Seiten profitieren sollten. Die Mönche erhielten so angenehme Gaben bzw. Spenden wie Fisch, Fleisch und Bier und so kostbare wie Messbesteck, Messgewänder, Chorgestühl und sogar wertvolle Altäre (z. B. heute noch in der Nicolaikirche zu besichtigen), letzteres alles mit dem Mohrenhaupt verziert. Im Gegenzug erweiterte der Magister-General des Dominikanerordens, dem das Katharinenkloster angehörte, im Jahre 1478 das Beneficium für die Schwarzenhäupter zu Reval auf sämtliche Klöster seines Ordens. Von nun an wurde in über 1.000 Klöstern, von Europa über Afrika bis nach Asien, von Norwegen bis in den Libanon für die Schwarzenhäupter zu Reval gebetet. Neben den ohnehin regelmäßigen Kirchbesuchen, nahm die Bruderschaft geschlossen mit manchmal bis zu 200 Brüdern an den großen Prozessionen teil.

Dann aber kam die Reformation mit ihrer Kritik an den himmelschreienden Missständen in der katholischen Kirche. In kürzester Zeit übte sie fast überall in Europa durch ihre frische Reinheit auf die gläubigen Christen eine starke Anziehungskraft aus. Fast sämtliche deutsche Einwohner der Stadt Reval traten bereits 1524 zu der moderneren lutherischen Lehre über, so auch die Schwarzenhäupterbrüder, welche die neue Religion nach Kräften förderten. Bevor noch die Mönche sämtliche im Kloster befindlichen Schätze verstecken, einschmelzen und auslagern konnten, erschienen die beiden Ältesten der Bruderschaft im Kloster. Sie kündigten nicht nur die bisherigen Gaben und Almosen auf, sondern verlangten energisch die Herausgabe der dem Schwarzenhäupterhause gehörenden Klostergegenstände. Durch ihre vorausschauende Hartnäckigkeit erhielten sie auch den Großteil ihrer Schätze zurück. Andere Institutionen, die ihren Forderungen weniger Nachdruck verliehen hatten, verloren durch die bereits erwähnte Umtriebigkeit der Mönche ihre diesen geliehenen Kostbarkeiten. Schließlich musste sogar der Rat von Reval Anfang 1525 die Mönche aufgrund dieser Vorkommnisse der Stadt verweisen. Die Klosterkirche wurde vom Stadtrat der estnischen Gemeinde als Gotteshaus zur Verfügung gestellt.

Mit der Reformation war auch der Druck der Kirche genommen, der liebe Gott wurde nicht mehr als ständige Bedrohung empfunden. Allerdings nahm die Bruderschaft dies nicht als willkommenen Anlass, die bisherigen kostbaren Spenden zugunsten der Kirche nunmehr für sich selbst zu verwenden. Das Gegenteil war der Fall, jetzt stieg das Spendenaufkommen der Bruderschaft sogar noch an. Allerdings zog man es nun vor, dem wiederbelebten, ursprünglichen christlichen Sinne zu folgen. Anstatt die alte Kirche weiterhin mit Schätzen zu überhäufen, wandte man sich mit der lutherischen Kirche gemeinsam deren sozialen und gemeinpolitischen Aufgaben zu. Hauptsächlich kümmerte sich die Bruderschaft nun um die Armen und Kranken. Ein „Gotteskasten“ wurde eingerichtet, aus dessen Mitteln ehrbaren Armen eine geregelte Unterstützung gewährt wurde. Ebenso wurde der Neubau eines Siechen- und Seuchenhauses mitfinanziert. Das aus dem Katharinenkloster zurückerhaltene Klostergeschmeide wurde verkauft, der Erlös kam den Kranken und Armen ebenso zugute, wie die Rente mehrerer Kapitalien. So wurde 1540 einer Schule ein großer Geldbetrag gespendet, um Kindern aus armen Verhältnissen Schulgeld, Kleidung und Schuhe zu finanzieren. Des weiteren wurde eine nicht-deutsche, also eine estnische Schule errichtet.

Der Kontakt zwischen Bruderschaft und neuer Kirche war sehr eng. Auch jetzt blieb der gemeinsame Gottesdienstbesuch zu den alljährlichen Feiern Pflicht. Aus dem Jahre 1670 existiert noch eine Urkunde, welche die Begräbnisordnung mit den einzelnen Kirchen regelt. Auf dem Begräbnisplatz der Olaikirche wurden die Erkorenen Ältesten und Ältesten beigesetzt. Brüder, aber auch Älteste wurden auf dem Friedhof der Nikolaikirche bestattet, wohingegen notleidende Brüder und fremde Schiffer auf dem Friedhof der Heiligengeistkirche ihre letzte Ruhe fanden. Die Bruderschaft hatte in allen 3 Kirchen ihr eigenes Gestühl und das Recht, Grabsteine mit ihrem Wappen aufzustellen.

Im Laufe der Zeit lockerte sich die Bindung an die Kirche. Zwar besuchten die Brüder als Gemeindemitglieder die Gottesdienste, aber die gemeinsame Teilnahme wurde immer seltener. Allerdings spielte die Bruderschaft, sicher auch aufgrund ihres prächtigen Baldachins, bei Beerdigungen eine große Rolle. Zeitweise hatte sie die Aufgabe, verstorbene „ehrbare“ Jungfrauen zu Grabe zu tragen. Im 17. und 18. Jahrhundert gab sie in Uniform und zu Pferde Adligen das letzte Geleit.

Dass die Bruderschaft der Schwarzenhäupter zu Reval nicht unter Armut gelitten haben kann, lassen die großen, zu wohltätigen Zwecken gespendeten Summen hinreichend gut erkennen. Das Haus in der Revaler Langstraße, in dem seit 1407 die Zusammenkünfte und die geselligen Veranstaltungen, die sogenannten „Steven“ und „Drunken“ stattfanden, wurde von ihr 1531 käuflich erworben. 1921 wurde das danebenliegende Haus der Olaigilde dazugekauft und, wie 1929 ein Teil des Gebäudes der Immobilienbank, durch Umbauten miteinbezogen. Die prächtige Renaissancefassade aus dem 16. Jahrhundert mit den Wappen der 4 Hansekontore Brügge, Nowgorod, London und Bergen blieb erhalten. Während der durch den Hitler-Stalin-Pakt erzwungenen Umsiedlung der Deutsch-Balten 1939/40 weigerte sich die Bruderschaft trotz großen Drucks von verschiedenen Seiten ihr Haus zu verkaufen und bewahrte ihr Eigentum. Nach dem gewaltsamen Ende der Republik Estland durch den Einmarsch der Roten Armee im Sommer 1940 wurde das Schwarzenhäupterhaus von der Sowjetischen Militärbehörde beschlagnahmt und zwangsenteignet. Den darauffolgenden II. Weltkrieg hat das Schwarzenhäupterhaus wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden. Die in ihm eingelagerten Kunstschätze und Erinnerungsstücke der Bruderschaft, die als Kulturschätze nicht ausgeführt werden durften, haben ebenfalls die Wirren der Zeit überlebt und befinden sich heute außerhalb des Hauses in verschiedenen Revaler Museen.

Die bereits erwähnten Wappen der 4 Hansekontore weisen auf eines hin: Selbstverständlich war man eine deutsche Bruderschaft, aber ebenso selbstverständlich nahm man Ausländer auf. Berührungsängste in dieser Beziehung waren unbekannt, als hansische Kaufleute pflegten sie eine pragmatische und internationale Denkweise. Bei den Mitgliedern der Bruderschaft handelte es sich um unverheiratete Kaufherren und Kaufgesellen. Für letztere stellte die Bruderschaft die Vorbereitung für eine spätere Aufnahme in die „Große Gilde“ dar, für erstere galt die Mitgliedschaft aufgrund des hohen gesellschaftlichen Renomées der Schwarzenhäupter als eine Ehre. Auf die Integrität und die Werte hansischen Kaufmanntums wurde streng geachtet, sonst wäre den Brüdern nicht vom Rat der Stadt „Gewicht und Waage“ verliehen worden. Auch der Adel  und die Patrizier waren bei den Schwarzenhäuptern zahlreich vertreten, doch Standesunterschiede innerhalb der Bruderschaft gab es durch die gemeinsame Zugehörigkeit nicht. Darüber hinaus existierte bei den damaligen rauhen Sitten ein ausgewogener Strafenkatalog, der zum Teil erhebliche Strafen für die verschiedensten Vergehen vorsah. Die hierdurch eingenommenen Gelder wurden den Kirchengemeinden zu karitativen Zwecken gespendet.

Der festliche Jahresablauf bestand aus zwei Zyklen, die sich wiederum nach den Wetterperioden richteten, von denen die Handelsfahrten der Kaufleute ja schließlich abhingen. Vor der Weihnachtszeit musste aufgrund der schweren Herbststürme und des beginnenden Eisgangs die Schifffahrt eingestellt werden. Das war der Beginn der zwei bis drei Wochen dauernden Weihnachtsdrunke, die mit dem „Steven“, einer Art Jahreshauptversammlung endete. Auf dem Steven wurden allgemeine Regularien, Stiftungen, Strafen u. ä. beschlossen bzw. geregelt. Organisiert wurde die Drunke von zwei sogenannten „Schaffern“. Jeder sich in Reval aufhaltende Bruder war zur Teilnahme verpflichtet und durfte Gäste mitbringen. Allerdings waren Angehörige der Handwerkergilden ebenso ausgeschlossen wie z. B. Barbiere und Wundärzte.

Nach einer einmonatigen Pause begann dann gewöhnlich am Sonntag Estomihil mit der Fastelabenddrunke der zweite Feierzyklus, der bis zur Wiederaufnahme der Handelsreisen andauerte und mit einem Steven endete. Abgeschlossen wurden beide Drunken mit einem Gottesdienst. Im Gegensatz zur heutigen Zeit war es bei den damaligen unsicheren Verhältnissen und Wetterbedingungen keine Selbstverständlichkeit, daß ein Kaufmann von einer solchen Reise auch lebend zurückkehrte. Dessen waren sich die Brüder als im Leben stehende Männer sehr wohl bewusst.
Doch auch das innere Leben der Bruderschaft entwickelte sich mit ihrem Renomée weiter. Seit 1432 wurden Renn- und Stechspiele, verbunden mit festlichen Aufzügen durchgeführt. Zum Sommeranfang führte man 1446 sogar eine dritte Drunke ein, deren Dauer aber der Rat der Stadt auf eine Woche begrenzte. Sie begann mit dem heute noch in Reval durchgeführten Papageuenschießen. Dabei wurde mit der Armbrust nach einer Vogelscheibe geschossen, die so prächtig und bunt bemalt war, dass sie alsbald im Volksmund nur noch als Papagei bezeichnet wurde. Schließlich stiftete die Bruderschaft einen massivsilbernen Papageien als Wanderpokal für den Sieger. Dieser Pokal hat sich bis heute erhalten und ist mittlerweile in einem Revaler Museum zu besichtigen.

Von besonderer Bedeutung für Reval als Hansestadt und die Schwarzenhäupter als Kaufmannsgilde war natürlich der Handel. Abgesehen von Reval selbst und dem deutschen Mutterland pflegte man die engsten Handelsbeziehungen zu Narwa und dem Deutschen Hof zu Nowgorod. Nach Nowgorod exportierte man die Industrieerzeugnisse des Westens: Tuch, Leinwand, Metallwaren, Leder, Pergamentpapier, Wein, Bier u.a.m.. Von dort kamen Rohprodukte wie Felle, Talg, Wachs, Hanf, Teer, Pottasche, Walrossbein, Tran, Fisch usw. Alle diese Artikel kaufte und verkaufte man auch in Narwa, dem zweiten Stapelplatz der Russisch-Hansischen Waren. Doch die wechselnden politischen Konstellationen zwischen dem livländischen Orden, Litauen und Nowgorod belasteten den Handelsverkehr immer wieder in ganz erheblichem Ausmaß. Es hatte sich eingebürgert, bei politischen Krisen die im Deutschen Hof zu St. Peter in Nowgorod angetroffenen deutschen Kaufleute einfach als Druckmittel ins Gefängnis zu werfen. Nachdem der russische Großfürst die reiche Stadt Nowgorod endgültig unterworfen hatte und mehrere Tausend deutsche Bürger nach Russland verschleppen ließ, kam der Handel langsam zum Erliegen. 1494 kam dann das endgültige Aus. Entgegen vorher gemachten Zusagen, ließ  Zar Iwan III. das Kontor aufheben, die Kaufleute in Eisen legen und die Waren im Wert von einer halben Million Rubel, für damalige Zeiten eine ungeheure Summe, einfach konfiszieren. Nach langwierigen Verhandlungen wurden die Kaufleute nach zweijähriger Kerkerhaft entlassen und durften in die Heimat zurückkehren. Doch bei der Einfahrt in den Hafen, gerade erst den schlimmen russischen Verliesen entronnen und die Silhouette Revals bereits zum Greifen nah, sank das Schiff der freigelassenen Kaufleute. Die gesamte Besatzung fand in der aufgepeitschten Ostsee ihr Seemannsgrab – welch tragische Ironie des Schicksals.

Während der Verhandlungen mit den Russen hatte der Ordensmeister Wolter von Plettenberg die Bruderschaft darauf hingewiesen, dass wer aus dem Land Nutzen ziehe, auch für dessen Sicherheit eintreten müsse. Obgleich aufgrund der ihnen gewährten Privilegien zu keiner Dienstleistung verpflichtet, kam die Bruderschaft ohne Zwang und aus freien Stücken dieser Aufforderung nach. Auch der Rat der Stadt hat die Bruderschaft um ein Kontingent zur Verteidigung der Stadtwälle gebeten. Auf eigene Kosten rüstete sich die Bruderschaft sogar mit Artillerie aus, die Kanone trug den Mohrenkopf als Wappen auf dem Rohr. Auch eine berittene Compagnie aus etwa 100 Brüdern wurde aufgestellt. Zu diesem Zeitpunkt gehörten der Bruderschaft an die 300 Mitglieder an. In einem Gefecht gegen eine weit überlegene russische Übermacht an der Pernauer Straße hatte diese Compagnie 1560 vor den Toren Revals 10 Gefallene zu beklagen. Die Russen zogen daraufhin unverrichteter Dinge wieder ab. Den gefallenen Brüdern zu Ehren wurde später an dieser Stelle ein Gedenkstein errichtet. Auch bei der nächsten Belagerung durch die Russen nur siebzehn Jahre später, führten die Schwarzenhäupter erfolgreiche Ausfälle durch, bis die Belagerung schließlich aufgehoben wurde..

Obwohl zeitweise die einzige Reitertruppe Revals, trat sie militärisch bald nur noch in ganz anderer Verwendung in Erscheinung. Die Bruderschaft hatte das Privileg zugesprochen bekommen, bei Besuchen hochgestellter Persönlichkeiten diese als Ehrengarde eskortieren zu dürfen. Eine ehrenvolle Aufgabe, der man gerne nachkam, zumal bei dieser Gelegenheit die eigenen, schmucken Uniformen getragen wurden. Zar Peter der Große, der das Schwarzenhäupterhaus öfter besuchte und Ehrenbruder wurde, erhielt ebenso eine Schwarzenhäuptereskorte (1723), wie die Zarinnen Elisabeth I. (1746) und Katharina die Große (1764) und die Zaren Alexander I. (1804), Nikolai I. (1827) und Alexander II. (1856). Zar Nikolai I. war von Haltung und Auftreten seiner Eskorte derart angetan, dass er der berittenen Schwarzenhäuptercompagnie 1833 sogar das Privileg verlieh, künftig die Uniform seines Gardedragonerregiments zu tragen. Das hat die berittene Compagnie auch bis zu ihrer erzwungenen Auflösung 1886 im Zuge des Panslawismus getan.

Nebenbei widmete sich die Bruderschaft, auch Corps der Schwarzenhäupter genannt, der inneren Sicherheit Revals. Zu den größten Gefahren für die Städte zählten lange Zeit neben Krieg und Seuchen die Feuersbrünste. 1787 gründete die Bruderschaft deshalb ihre eigene Feuerwehr und stattete sie auf eigene Kosten aus. Bei jedem Brand in ihrer Heimatstadt rückte die aus Schwarzenhäupterbrüdern bestehende Feuerwehr aus und half jedermann ohne Rücksicht auf Stand und Name. Seit 1698 machten die Hausbesitzer nämlich von dem ihnen zustehenden Recht Gebrauch, nicht persönlich zum Löschen auf dem Brandplatz zu erscheinen, sondern einen Hausknecht als Ersatz zu schicken. Nach und nach unterblieb auch letzteres, nur die Feuerwehr des Schwarzenhäuptercorps erschien regelmäßig mit ihrer großen Wenderohrspritze auf den Brandplätzen. Bis 1862 war es die einzige organisierte Feuerwehr Revals. In diesem Jahr wurde der erste freiwillige Feuerwehrverein des russischen Zarenreichs gegründet, die „Revaler Freiwillige Feuerwehr“. Aus organisatorischen Gründen trat die Feuerwehr der Schwarzenhäupter der Freiwilligen Feuerwehr bei, behielt aber ihre eigene Uniform. Nach einer Instruktion der Spritzenkommission des Corps aus dem Jahre 1906, war jeder neuaufgenommene Bruder verpflichtet, 5 Jahre im aktiven Dienst der Feuerwehr des Corps zu verbleiben.

Wie bereits erwähnt, ist der erste Schragen von 1407 eng an den der Kindergilde angelehnt, der wiederum das dänische Gildewesen zum Vorbild hatte. Die innere Organisation der Bruderschaft gliederte sich in 4 Ältermänner, ab 1558 gekorene Älteste genannt (heute Erkorene Älteste), sowie die Ältestenbank und die Jüngstenbank (heute Bruderbank). Daneben gab es noch das Amt der Schaffer, die für die Organisation und Finanzierung der Veranstaltungen zuständig waren. Für die berittene Compagnie waren ein Kommandeur und ein Corporal zuständig, die meistens beide der Ältestenbank angehörten.

War der Status der Bruderschaft allgemein ein sehr exklusiver, so war die Neigung junger Kaufleute sich der Bruderschaft anzuschließen im Laufe der Jahrhunderte doch ein sehr unterschiedlicher. Auf Zeiten, in denen der Eintritt in die Bruderschaft für jeden Kaufmann sowohl Ehre als auch Selbstverständlichkeit war, folgten jene regelrechten Mitgliedermangels. Aus dem 16. Jahrhundert existiert ein Erlaß des Rates, dass jeder geeignete Kaufmann in der Stadt, der die Voraussetzungen erfülle, in die Bruderschaft eintreten müsse. Glücklicherweise blieb dieser Erlaß in der Geschichte der Schwarzenhäupter die einzige Ausnahme. In der Regel gab es aufgrund des gesellschaftlichen Renomées weit mehr Bewerber als Aufnahmen. An den Drunken nahmen bisweilen an die 300 Brüder teil und die berittene Compagnie brachte es zeitweise bis auf 150 Reiter zur Eskortenstellung.

Mit dem erzwungenen Ablegen der Uniform 1886 unter dem erwähnten panslawistischem Druck änderte sich auch der Charakter der Bruderschaft. Sie wandelte sich zu einer städtisch-bürgerlichen Vereinigung, die dem Leben der Stadt Reval weiterhin viele Impulse gab und auf gesellschaftlicher Ebene repräsentierte. So war unter anderem der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Max Planck noch 1937 Gast im Schwarzenhäupterhaus. Verschiedene hochgestellte Persönlichkeiten gehörten der Bruderschaft als Ehrenbrüder an, so z. B. die russischen Zaren Peter der Große, Alexander I., Nikolai I. und die berühmten schwedischen Feldherren Wrangell und Torstensen. Auch die beiden schwedischen Könige Gustav V. und Gustav VI. waren Ehrenbrüder und besuchten zwischen 1908 und 1932 diverse Male das Schwarzenhäupterhaus. Auch der letzte Staatspräsident der ersten Republik Estland, Konstantin Päts ließ sich 1937 als Ehrenbruder aufnehmen.

In diese Zeit fallen auch die Neuerungen des über die Jahrhunderte fast unverändert gebliebenen Schragens, nämlich die Begrenzung auf hundert Mitglieder und die Erlaubnis des Verbleibens nach der Verheiratung. Ende der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts wurde die sogenannte Zölibatsklausel gestrichen, d. h. die Aufnahme bedarf nicht mehr der Ehelosigkeit. Die innere Struktur der Bruderschaft ist fast unverändert. Vier Erkorene Älteste bilden zusammen mit acht Ältesten die Ältestenbank, welche die Bruderschaft führt. Zwei Wortführer vertreten dort als Sprecher die Bruderbank. Wichtige Beschlüsse werden bei der gemeinsamen Tagung der beiden Bänke, der Jahresversammlung gefällt. Ein Großteil der Brüder stammt traditionell aus  deutsch-baltischen Familien, die zum Teil schon seit 400 und mehr Jahren in der Bruderschaft vertreten sind. Die ehemalige Fastelabenddrunke wird seit über 200 Jahren durch das Lätarefest ersetzt. Seit Mitte der sechziger Jahre wird die Winterdrunke als Familienfest im November gefeiert. Lätare wurde im Haus Schütting in der alten Hansestadt Bremen gefeiert. Im Jahre 1999 wurde das erste Mal seit der Zwangsumsiedlung wieder das Lätarefest im Schwarzenhäupterhaus zu Reval gefeiert – für die Bruderschaft ein historischer und lange nicht für möglich gehaltener Augenblick! Seitdem findet das Lätarefest abwechselnd in Bremen und Reval statt.

Nach der Zwangsumsiedlung der Deutsch-Balten im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes in den Jahren 1939/40 war eine organisatorische Wiedereinrichtung der Bruderschaft im Dritten Reich verboten. Trotzdem setzte man heimliche Zusammenkünfte während des Krieges hauptsächlich in Posen, aber auch zeitweise in Reval fort. Mit den Wirren der Kriegs- und auch der ersten Nachkriegsjahre hatten sich die Brüder über die ganze Welt bis nach Kanada und die USA verstreut. Der Großteil blieb aber in Deutschland, während sich ein Teil der Brüder auch in Schweden etablierte, unter ihnen einer der Erkorenen Ältesten. Nachdem sich die politischen Verhältnisse stabilisiert hatten und die überwältigende Mehrheit der Brüder ohnehin in Deutschland lebte, wurde die Bruderschaft der Schwarzenhäupter aus Reval nach deutschem Vereinsrecht mit Sitz in der alten Hansestadt Hamburg eingetragen. Sie ist unmittelbare Rechtsnachfolgerin der Bruderschaft der Schwarzenhäupter zu Reval und als solche auch von einem estnischern Gericht als Subjekt der Eigentumsreform anerkannt und legitimiert.

Es ist der Bruderschaft der Schwarzenhäupter gelungen, über viele Jahrhunderte und durch tiefgreifende politische Umwälzungen hinweg ihre eigene, unverwechselbare Identität zu bewahren, die untrennbar mit der Geschichte der Stadt Reval verbunden ist.
Auch hier haben sich nach der erneuten Befreiung der baltischen Völker neue Horizonte eröffnet. Mit dem Fall des eisernen Vorhangs wurde es möglich, auch estnische Brüder aufzunehmen, die mittlerweile in allen Bänken vertreten sind. Der Bruderschaft gehören alteingesessene deutsch-baltische Familien mit zum Teil jahrhundertelanger Schwarzenhäuptertradition genauso an wie Deutsche, Esten und Schweden. Eine wachsende Anzahl von Brüdern ist in Reval selbst vor Ort.
Die Bruderschaft begreift die Herausforderungen der neuen Epoche als Chance und wird auch diese meistern und nutzen. Sie ist in ihre alte Heimat zurückgekehrt!